
In Erwartung eines neuen Tages voller Fliegen und bleierner Hitze stehen wir noch vor der Sonne auf und sind kurz nach halb acht unterwegs. Vor uns liegt nun die Gary Junction Road, eine der letzten Strecken, die Len Beadell und seine Gunbarrel Road Construction Party angelegt haben. Die Piste wird heute zur Versorgung aller Aboriginal Communities zwischen Alice Springs und Kunawarritji benutzt und ist dementsprechend in gutem Zustand. Trotzdem wird uns in den kommenden beiden Tagen nur ein einziges Fahrzeug begegnen. Dagegen treffen wir auf viele Kamele. Kamele wurden als Lasttiere für die Wüsten importiert und nach ihrem Ersatz durch Eisenbahn und Auto freigelassen. Heute gelten sie als Problem, weil sie die lokalen Wildtiere verdrängen und aufgrund ihrer Grösse keine natürlichen Feinde haben.


Nach 220km erreichen wir Jupiter Well, ein Bohrloch mit einer Handpumpe, wie wir es vom Geraldton Bore kennen. Der heutige Tag ist etwas kühler, allerdings ist es immer noch heiss genug, um Lust auf eine kalte Dusche zu verspühren. Ich bin also extrem schnell bei der Pumpe, halte meinen Kopf unter das Rohr und beginne, das erfrischende Grundwasser hochzupumpen. Erfrischend ist es tatsächlich, trotzdem ziehe ich meinen Kopf verdächtig schnell wieder aus der Schusslinie: Das Wasser stinkt erbärmlich nach totem Tier oder Jauche oder beidem zusammen. Während ich mit einem Brechreiz kämpfe, schnallt Fabi einen Wassersack los und spühlt meine Haare mit ein paar Litern Frischwasser aus. Ich fühle mich wesentlich besser, trotzdem bleibe ich bis zur nächsten Dusche das Primärziel der Fliegen.


Kiwirrkurra

Gegen Abend treffen wir in der Aboriginal Community Kiwirrkurra ein, in welcher es gemäss unserer Karte einen Zeltplatz geben soll. Im Büro der Community weiss man davon zwar nichts, aber wir sind trotzdem herzlich willkommen: Neben den Wohncontainern von ein paar Elektrikern findet sich ein gutes Plätzchen für unsere Zelte.
Kiwirrkurra ist für uns eine neue Erfahrung: Auf dieser und auch auf unseren früheren Reisen sind uns in den Aboriginal Communities vor allem der Müll, die kaputten Häuser und die distanzierten Bewohner aufgefallen. Kiwirrkurra dagegen ist einfach in jeder Hinsicht angenehm: Alles wirkt sauber und gepflegt und wir kommen sofort mit diversen Aboriginals ins Gespräch. Besonders wichtig scheint die Frage nach dem Woher und Wohin zu sein. Wobei: Wenn man in Kiwirrkurra das Woher kennt, dann dürfte das Wohin eigentlich schon geklärt sein - schliesslich gibt es hier nur die Gary Junction Road.
Nachdem wir unsere KTM betankt und unsere Mägen gefüllt haben, fährt ein Toyota Landcruiser vor, der seine Blütezeit schon vor einigen Jahrzehnten gehabt haben dürfte. Die Fahrerin ist eine freundliche Frau mittleren Alters, welche uns gerne einige Bilder der örtlichen Frauen zeigen möchte. Fabi und ich schliessen den alten Toyota sofort ins Herz, als wir sehen, dass er genau wie unsere beiden KTMs mit einem Kippschalter anstatt eines Zündschlüssels gestartet wird. Die Begründung ist dann auch genau die gleiche wie bei unseren Motorrädern: Sand im Zündschloss. Extra für uns werden nun die Ateliers des Frauenvereins aufgeschlossen und wir geniessen eine Privatführung durch Dutzende von Gemälden. Jedes Bild wird uns bei Interesse erklärt und am Ende kaufen wir gerne zwei der Kunstwerke.
Nun steht uns noch eine kleine Wallfahrt bevor: In Kiwirrkurra ist nämlich der ausgebrannte Versorgungslastwagen von Len Beadells Team ausgestellt. Für Isabel ein Stück Schrott, für Fabi und mich als Leser von Len Beadells Büchern eine Reliquie - Schönheit liegt definitiv im Auge des Betrachters!




Am Abend sind wir bei den Shopverwaltern Karen und Tim zum Barbeque eingeladen. Seit Tagen haben wir nicht mehr so gut gegessen! Und wir lernen von Karen und Tim, die vorher in einer anderen Aboriginal Community im tropischen Arnhem Land gearbeitet haben, jede Menge über das Leben der Aboriginals. Danke Karen, danke Tim!
Wir verlassen Kiwirrkurra früh am Morgen und überqueren kurz darauf die Grenze zum Northern Territory. Auch hier hat Len Beadell natürlich eine seiner berühmten Aluschilder mit genauen Koordinaten und dem Datum aufgestellt. In Kintore wollen wir eigentlich nur Tanken und Essen - wir werden aber vom ersten Polizisten aufgehalten, den wir seit Tagen sehen: Er lädt uns zum Kaffee ein.




West Mac Donnell Ranges

Nach einem letzten Buschcamp erreichen wir die West Mac Donnell Ranges. Dabei handelt es sich um mehrere parallele Hügelketten aus rotem Fels. Offenbar flossen die Flüsse schon von Norden nach Süden, als die Mac Donnell Ranges gefaltet wurden, denn heute sind sie von zahlreichen tiefen Schluchten durchbrochen. Die Schluchten stellen eine Hauptattraktion in der Gegend um Alice Springs dar aber obwohl wir schon zweimal in der Gegend waren, haben Isabel und ich sie jedesmal verpasst. Zum Glück haben wir nun eine dritte Chance bekommen.




Obwohl der Finke River im Moment kein Wasser führt, ist zwischen den Felswänden der Glen Helen Gorge ein beträchtliches Wasserbecken zurückgeblieben. Der tiefblaue Himmel spiegelt sich im Wasser zwischen den rot glühenden Felsen, während das satte Grün des Grases das Becken im Hintergrund begrenzt. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie die Aboriginals vor der Ankunft der Weissen um dieses Rockhole gejagt und gelebt haben, oder wie die ersten Siedler von Glen Helen hier ihre Rinder getränkt haben. Was für eine Quelle des Lebens in diesem trockenen Land!
Ormiston Gorge ist mindestens ebenso schön, während wir die Serpentine Gorges kurzerhand in Gorge Disappointment umtaufen: Gemäss Beschreibung muss man hier durch einen ersten Pool schwimmen, um den zweiten Pool zu erreichen, an dem man dann Felsenkängurus und andere Wildtiere beobachten kann. Wir sehen uns schon einhändig durch besagten ersten Pool schwimmen, mit der anderen Hand die Kamera in trockene Höhe streckend, um anschliessend die versammelte Tierwelt Australiens vor die Linse zu bekommen. Der erste Pool entpuppt sich als stinkenden Tümpel, an dem ich in Erinnerung an Jupiter Well lieber vorbeiklettere. Den zweiten Pool finden wir auch nach längerem Suchen nicht und die Felsenkängurus sind offensichtlich Meister der Tarnung - wir sehen kein Einziges.
Text: David



