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Atombomben in Emu
26.04.2009
Eigentlich hätten wir ja über den Anne Beadell Highway von Leonora nach Coober Pedy kommen wollen, aber wie früher beschrieben (Der erste Staub) konnten wir diesen Abschnitt leider nicht realisieren. Der Anne Beadell Highway wurde ebenfalls von Len Beadell und seiner Gunbarrel Road Construction Company angelegt. Der Grund für den Bau dieser Piste waren die Tests zweier britischer Atombomben in Emu, etwa 300km von Coober Pedy entfernt. Fabi und ich haben beide "Blast the Bush" gelesen, ein Buch von Len Beadell, in dem er den Bau des Anne Beadell Highways nach Emu, das Leben der Techniker und Forscher in der Zeltstadt und die Tests selber detailliert beschreibt - natürlich untermalt mit seinem unbezahlbaren Humor.

Wie wir nun hier in Coober Pedy sitzen, stellen Fabi und ich fest, dass ein Ausflug nach Emu eigentlich durchaus in Reichweite liegen würde. Per Email lassen wir uns vom Australischen Verteidigungsministerium eine neue Bewilligung zum Befahren des Sperrgebiets geben und betanken unsere beiden KTM mit fast 90 Litern Benzin. Isabel wird in Coober Pedy drei männerfreie Tage geniessen.

Tallaringa Well führt wieder Wasser




Beim Bau des Anne Beadell Highways hat Len Beadell unter anderem den Brunnen Tallaringa Well wieder entdeckt. Weil Wasser in der Wüste niemals schaden kann, hat er mit einigen Gefährten den Brunnen wieder ausgehoben und mit Blech ausgeschachtet. Das Wasser sei zwar nur abgekocht und mit viel Überwindung trinkbar aber immerhin gut genug, um in einen Kühler geschüttet zu werden. In den letzten Jahren ist der Brunnen aber wieder versandet, so dass man einen Meter unterhalb der Oberkante auf staubtrockene Erde stösst.

Wir treffen kurz nach Mittag in Tallaringa Well ein und weil wir heute sonst nichts mehr zu tun haben, beschliessen wir, den Brunnen nach dem Mittagessen erneut auszugraben. Da zur Auschachtung leere Fässer verwendet wurden, ist der Schacht ziemlich eng und das Graben entsprechend mühsam: Ich lege mich bäuchlings an die Oberkante des Brunnens, grabe mit unserem kleinen Klappspaten die lockere Erde am Grund des Schachtes auf und reiche den jeweils vollen Spaten an meinem Kopf vorbei zu Fabi hoch.

Wie Fabi einen der ersten Spaten ausleert, kommt plötzlich Bewegung in die Sache: In meiner Position kann ich zwar nicht sehen, wovor er sich mit einem Sprung ins Gebüsch rettet, aber das Wort "Schlange" bringt mich schnell auf die Beine. Die ungefähr 25cm lange Schlange (mit schwarzen und rot-braunen Ringen) war wohl am Grund des Brunnens auf der Jagd und wurde von mir zusammen mit einem Haufen Laub ausgegraben. Wie Fabi den Spaten ausgelehrt hat, ist sie ans Tageslicht befördert wurden, was sie wohl genauso verängstigt hat wie uns - jedenfalls kriecht sie sofort ins dichte Unterholz des nächsten Gebüsches. In den folgenden Minuten stochere ich jeweils ein bisschen in der Erde herum, bevor ich einen vollen Spaten an meinem Kopf vorbei nach oben reiche...

Irgendwann zwingt uns die zunehmende Tiefe zum Graben in den engen Schacht hinuter zu steigen. Feuchte Erde motoviert uns aber zum weitergraben und nach etwa einem Meter stossen wir auf die Dingo-Knochen-Schicht. Obwohl der Brunnen durch Bretter abgedeckt war, sind wohl immer wieder Dingos hineingefallen und verendet. Das Einstechen des Spatens wird nun begleitet vom Geräusch berstender Knochen und am Ende fördern wir die Unterkiefer von mindestens sechs Dingos zu Tage. Wir lösen uns mit Graben ab, unfähig zu einem Entscheid, ob im oder über dem Brunnen der bessere Arbeitsplatz ist: Im Brunnen kommt zu der Hitze eine unglaubliche Luftfeuchtigkeit und der Schweiss läuft uns in Strömen herunter - über dem Brunnen wird unsere Geduld (in meinem Fall ist das nicht viel) dauernd von einer persönlichen Fliegenwolke um unseren Kopf geprüft. Nun folgt schwerer und immer nasserer Lehm, bis kurz nach Sonnenuntergang in über drei Metern Tiefe ein erstes Glitzern sichtbar wird. Tallaringa Well führt wieder Wasser.

Emu bei Regen

Vor diesem Ausflug haben wir uns Gedanken gemacht, ob der Staub in der Nähe der beiden Atombombentests wohl radioaktiv sei. Als Motorradfahrer atmet man ja jede Menge Staub ein, vor allem, wenn man hinten fährt. Wie wir bald herausfinden werden, soll Staub in den kommenden Tagen kein Thema sein.





Während der ganzen Nacht hat vereinzelter Regen die sandige Piste verfestigt und wir legen ein flottes Tempo über die Dünen des engen Tracks vor. Wir werden von stetigem Nieselregen begleitet und ich beginne langsam ernsthaft daran zu zweifeln, dass Australien der trockenste Kontinent der Welt sein soll - für meinen Geschmack ist es im Moment jedenfalls nass genug. Kurz bevor wir die Stelle erreichen, an der am 14. Oktober 1953 die Atombombe "Totem I" gezündet wurde, erinnern uns Schilder daran, dass ein dauerhafter Aufenthalt in dieser Gegend aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen wird. Wir wollen uns hier auch nicht all zu lange aufhalten, denn zu sehen gibt es nicht viel: Ein kleiner Betonobelisk mit Inschrift in der Mitte und darum herum die vier Eckfundamente des 31 Meter hohen Turms, auf dessen Spitze die Atombombe mit 9.1kt gezündet wurde. Vom Turm selber sind nur noch einzelne Grundplatten auf den Fundamenten zu sehen, der Rest wurde komplett zerstört.




16km weiter sollen noch die Fundamente von Emu Village zu sehen sein, der Zeltstadt, in der die Arbeiter und Wissenschaftler zur Zeit der Tests gelebt haben. Gerade als wir losfahren wollen, wächst sich der Nieselregen zu einem anständigen Gewitter aus. Wie immer in Australien habe ich natürlich keinen Regenschutz dabei und wie mir das Wasser unter den Nierengurt, in die Handschuhe und in die Stiefel zu laufen beginnt, kann mir Emu Village schon fast gestohlen bleiben. Trotzdem besichtigen wir die Überreste des Dorfes und das Flugfeld ausgiebig und die Geschichten von Len Beadell werden vor unserem inneren Auge lebendig. Der Trip hat sich gelohnt!

Waterworld


Obwohl es schon weit nach Mittag ist, motiviert uns das Wetter nicht zu einem gemütlichen Picknick. Wir fahren ohne Halt die 125km zurück zum Tallaringa Well, wo wir noch vor dem Essen ein anständiges Feuer anzünden. Inzwischen fällt der Regen nur noch vereinzelt und ich wage, meinen Pulli, mein letztes trockenes Kleidungsstück auszupacken. An dieser Stelle kommt dann doch noch Freude auf: Der Pulli war nämlich in unserem neuen Tankrucksack (ENDURISTAN Sandstorm) verpackt und ist, wie die Kamera, absolut trocken geblieben. Tatsächlich können weder Fabi noch ich in unseren Tankrucksäcken das geringste Anzeichen von Wasser entdecken. Als Chefentwickler dieses Tankrucksacks wird mir da natürlich warm ums Herz! Leider bleibt es ausserhalb des Herzens trotz Pulli und prasselndem Lagerfeuer ordentlich kalt, so dass wir nach einer Dose Corned Beef in die warmen Schlafsäcke kriechen.

Tags darauf erwartet uns Waterworld. Zwischen Emu und Tallaringa Well bestand der Boden hauptsächlich aus Sand, in dem der Regen schnell versickerte. Nach Tallaringa Well haben wir es vor allem mit dem üblichen roten Lehm zu tun: Schwer, klebrig und mit tiefen Wasserlöchern. Dass unsere Stiefel und Hosen vom Vortag noch feucht waren, spielt jetzt absolut keine Rolle mehr: Innert Minuten sind wir wieder tropfnass. Nach unserer Ankunft auf dem Camping in Coober Pedy sind das aber alles nur noch Heldengeschichten...

Text: David

Mehr Informationen

Wikipedia: Operation Totem (englisch): >>>
Len Beadells Bücher, darunter "Blast the Bush" (englisch): >>>

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