
Morgens um halb drei treffen wir in Perth ein. Die Einreise gestaltet sich wie immer in Australien absolut problemlos und nach 45 Minuten Taxifahrt stehen wir mitten in der Nacht vor dem Campingplatz in Fremantle. Aus den zahlreichen Wohnwagen dringt tiefes Atmen und vereinzeltes Schnarchen der friedlich schlafenden Gäste an unser Ohr, während wir uns auf die Suche nach den Stellplätzen für die Zelte machen. Nach wenigen Stunden komatösen Schlafes begeben wir uns auf Nahrungssuche, nur um herauszufinden, dass auch in Australien die meisten Lebensmittelläden am Sonntag geschlossen haben.


Wiedersehen mit den Motorrädern

"Ah, Ihr müsst die Motorradfahrer sein!" Lou Valsecchi ist der Inhaber der gleichnamigen Spedition und offenbar hat er uns bereits erwartet. In seiner Wellblechhalle warten unsere drei Kisten - mehr oder weniger so, wie wir sie zuletzt gesehen haben: Fabis Kiste sei "ziemlich schwierig zu öffnen gewesen". Wir stellen fest, dass wir beim Vernieten des Deckbleches den Deckel im Eifer des Gefechts gleich mit an den Rahmen genietet haben und so musste Lou halt ein Brecheisen heranziehen, um den Jungs von Zoll und Quarantäne den Inhalt zu präsentieren. Im Laufe des Tages nehmen die drei KTM langsam Formen an und am Abend sehen alle drei so aus, als ob sie für das grosse Abenteuer bereit wären - aber wir wollen hier nicht vorgreifen...
Am Dienstag steht uns der Gang zum örtlichen Strassenverkehrsamt bevor. Wir holen die drei Motorräder bei Lou ab und fahren als erstes zur Inspektion. Wie wir das von unseren letzten beiden Reisen kennen, interessiert sich der Beamte wesentlich mehr für unsere Reiseziele als für die Funktionstüchtigkeit der drei Maschinen: Die Hupe meiner KTM erinnert zwar stark an ein sterbendes Schaf in seinen letzten Zügen, aber das scheint im Moment wesentlich weniger wichtig zu sein, als uns ein paar gute Tipps für die kommenden vier Monate zu geben. Nach erfolgreicher Demonstration der Blinker erhalten unsere Motorräder das Prädikat "good enough" und wir werden eine Strasse weiter zur Registrierung geschickt. Dort versauen wir Chloe ordentlich den Tag, schliesslich ist eine "Temporary Registration for Overseas Visitors under a Carnet de Passage" nicht ihr täglich Brot. Diverse Formulare später sind wir stolze Besitzer einer Haftpflichtversicherung und einer Registrierungsplakette. Chloe braucht jetzt ganz dringend eine Pause und wir rollen zufrieden in den Sonnenuntergang.


Ich rolle nicht allzu weit. Meine KTM läuft nur mit gezogenem Choke und auch das nur sehr schlecht. Auf dem Campingplatz beginnen Fabi und ich mit einer kleinen Fehlersuche, die mit der Komplettzerlegung des Vergasers endet. Ich rufe kurz den Händler meines Vertrauens (Motoshop Zachmann) an und mir wird geraten, die Leerlaufdüse auf freien Durchgang zu prüfen. Alles was wir feststellen können ist, dass sich die Leerlaufdüse auch mit der grössten verantwortbaren Gewalt nicht rausdrehen lässt. Die Gemischeinstellschraube sitzt ebenfalls bombenfest. Ich packe den Vergaser in eine Tüte, leihe mir Isabels Maschine und fahre zum lokalen KTM-Händler. Ralph in der Werkstatt murmelt etwas von Ausbohren, keinen Ersatzteilen und mindestens einer Woche warten. Wie wenn das nicht genug wäre, reisst auf dem Rückweg vom Einkaufen Isabels Kupplungszug. Was für ein Anfang!


Das U-Boot Ovens

Eigentlich wären wir jetzt scharf darauf, die ersten Kilometer unter dem Vorderrad einzusaugen und den ersten Staub zu atmen. Trotzdem gibt es schlimmere Orte, um auf die Reparatur eines Vergasers zu warten als Fremantle. Wir geniessen den nahen Strand und legen uns ein Program für die kommenden Tage zurecht.
Als erstes wenden wir uns dem Marine-Museum zu, wo man an einer einstündige Führung durch das ausgemusterte U-Boot Ovens teilnehmen kann. Unser Führer Keith hat früher selbst auf diesem Boot gedient und versorgt uns neben allerlei technischen Details mit feinstem Seemannsgarn aus erster Hand. So lernen wir zum Beispiel, dass die beiden Torpedorohre achtern nie richtig funktioniert haben und deshalb als Bierlager verwendet wurden. In jedem Rohr hätten rund 1'500 Dosen Platz gefunden und wer eines dieser Rohre versehentlich abgefeuert hätte, hätte an Bord anschliessend relativ wenig Freunde gehabt.
Das U-Boot wurde übrigens in Schottland für den Einsatz im Nordatlantik gebaut und entsprechend war die Klimaanlage nicht für die tropischen Gewässer um Australien ausgelegt. Keith versichert uns glaubhaft, dass an Bord Temperaturen über 50 Grad keine Seltenheit waren und das Duschintervall von einer Woche auch nicht grossartig zu einer angenehmen Atmosphäre beigetragen habe.




Endlich startbereit!

Am folgenden Tag wage ich einen Besuch beim KTM-Händler um mich nach der Genesung meines Vergasers zu erkundigen. Ralph meint, die Düse und die Einstellschrauben wären in der Zwischenzeit von einem Vergaserspezialisten ausgebohrt worden, aber die Beschaffung der Ersatzteile wäre nicht so einfach. Gerade als er mir etwas von Bestllung aus den USA erzählt, kommt ein älterer Herr mit einer mir wohlbekannten Tüte herein. Die Ersatzteile wurden offenbar kurzerhand aus einem Vierfachvergaser eines anderen Kunden augebaut. Mein Glück wäre jetzt perfekt, wenn Ralph nicht vergessen hätte, den Kupplungszug für Isabel zu bestellen. Ralph meint, es gäbe gerade um die Ecke noch zwei andere KTM-Händler, und er ruft beide an, um nach einem Kupplungszug für eine LC4 2002 zu fragen. Bei KTM Mandurah werden wir fündig und wir vereinbaren, dass ich den Zug morgen früh abholen werde.
Als Ralph von zwei anderen KTM-Händler "gerade um die Ecke" gesprochen hat, hätte ich eigentlich stutzig werden müssen. Australier haben einen anderen Bezug zu Distanzen und im Falle von Mandurah KTM ist unter "gerade um die Ecke" über 70km zu verstehen. Es gehen also ein paar Stunden ins Land, bis ich mit dem neuen Kupplungszug auf dem Camping eintreffe, aber wenigstens kann ich so ausgiebig meinen reparierten Vergaser testen. Der Kupplungszug ist schnell eingebaut und so sind wir nun endlich bereit für den Busch!
Text: David

