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Zurück nach Perth
11.07.2009
Der Blick auf die Karte verspricht auf dem Weg nach Süden wenig Abwechslung: Asphalt ohne Ende. Dank Google Earth wissen wir jedoch von durchgehenden Pisten entlang der Küste bis zum Kalbarri National Park. Wie wir heute jedoch feststellen müssen, sind diese Pisten auf dem harten Boden der Realität wesentlich schwieriger zu finden als auf dem Satellitenbild: Abgeschlossene Viehgatter und zugewachsene Pisten reduzieren das Abenteuer auf eine 100km langen Rundfahrt durch eine Schaffarm - notabene ohne ein einziges Schaf zu sehen.

We're pulling a road through, mate!

Uns bleibt also nur noch eine Chance, uns auf dem Weg nach Perth zu amüsieren: Zwischen Cervantes und Lancelin liegt ein 75km langer Track entlang der Küste. Diese Piste führt durch einen Schiessplatz der Australischen Marine und wie es der Zufall will, ist auf den morgigen Tag eine Schiessübung geplant. Also entweder heute oder nie - schliesslich sind 75km ein Pappenstiel und sollten in anderthalb Stunden bewältigt sein. An der Tankstelle informiert man uns, das die letzten Motorradfahrer für die Strecke über vier Stunden gebraucht haben: Wir nehmen das schmunzelnd zur Kentnis - sicher waren das Offroad-Neulinge mit Strassenbereifung...

Ein paar Stunden später sind wir um einiges schlauer: Die Piste wäre zwar nicht übermässig schwierig - lediglich ein paar sehr steinige Abschnitte und ein paar Sanddünen - aber sie existiert in weiten Teilen gar nicht mehr. Da wo früher mal der Track nach Lancelin war, schieben sich heute riesige Baumaschienen durch die Landschaft und bauen eine Strasse. Anfänglich fahren wir auf der breiten Baustellenpiste aber irgendwann werden uns die gewaltigen Bulldozer, Walzen und Lastwagen doch zu gefährlich.




Glücklicherweise macht uns unser GPS an diesem Punkt darauf aufmerksam, dass der alte Track hier einen Umweg um ein paar Hügel macht. In der Hoffnung, dass der alte Track und die Baustelle für den ganzen Rest der Strecke nicht mehr identisch sind, machen wir uns also auf die Suche nach der alten Piste. Die eigentliche Abzweigung wird durch einen meterhohen Erdwall versperrt, weshalb wir versuchen, die Piste querfeldein zu finden. Dank der hervorragenden Karte auf dem GPS gelingt uns dies tatsächlich, aber nach einer entspannten halben Stunde führt die Piste wieder zur Baustelle. Die Spuren enden an einem weiteren riesigen Erdwall, hinter dem gerade ein Bulldozer damit beschäftigt ist, mit einer riesigen Klaue tonnenschwere Steine aus dem Boden zu reissen. Fabi und ich klettern über den Wall und unterhalten uns mit dem Fahrer, der aus unserer Sicht ungefähr im zweiten Stock sitzt. Unsere Frage nach dem alten Track beantwortet er mit einem simplen: "It's gone, we're pulling a road through, mate! (Die Piste gibt's nicht mehr, wir ziehen eine Strasse durch)".




Wir haben schon über die Hälfte der Strecke geschaft aber hier müssen wir leider umdrehen - schliesslich ist es schon später Nachmittag. Wenigstens wissen wir dieses Mal schon, wo es lang geht. Wir sind alle sehr enttäuscht und um das Tagwerk noch passend abzuschliessen, werde ich von meiner KTM auf einem steinigen Abschnitt abgeworfen. Aus Isabels und Fabis Gesichtern lese ich, dass der Sturz aus ihrer Perspektive offenbar ziemlich spektakulär ausgesehen hat. Abgesehen von Schmerzen in Schulter und Knie fühle ich mich aber durchaus gesund und die Fahrt kann fortgesetzt werden.

Zurück in Cervantes erfahren wir dann an der Tankstelle, dass es noch eine zweite Piste nach Lancelin gegeben hätte - direkt dem Strand entlang...

Die Leiden der altehrwürdigen KTM


Ziemlich wehmütig fahren wir am kommenden Morgen an der Abzweigung nach Lancelin vorbei: Wir hätten die Strandpiste sehr gerne ausprobiert, aber wegen der Schiessübungen ist heute nicht daran zu denken.

Zwei Stunden später kuppelt meine KTM an einer Abzweigung nicht aus und mein Gefühl sagt mir, dass wohl der Kupplungszug gerissen ist. Ich beginne zu überlegen, ob wir wohl ohne Anhalten bis zum Campingplatz in Perth weiterfahren können, damit ich den Kupplungszug erst in der Schweiz reparieren muss. Wie ich darüber nachdenke, ob mich wohl irgend eine Ampel zum Anhalten zwingen wird, fällt plötzlich die ganze Elektrik meiner KTM aus. Der Motor stirbt ab und stellt mich vor vollendete Tatsachen: Der Kupplungszug muss noch in Australien repariert werden - und die Elektrik natürlich auch. Meine gute alte KTM Adventure hat jetzt schon 85'000km auf dem Tacho und ich kann dem Einzylinder solche kleine Versagen nicht übel nehmen.

Wenig später verschluckt uns das Verkehrschaos in Perths Agglomerationen. Nach vier Monaten und 18'500km im Outback und ein paar kleinen Städten wie Cairns oder Darwin erfordert der Stossverkehr unsere volle Konzentration und ich bin froh, dass der Kupplungszug schon repariert ist - Ampeln gibt es hier nämlich mehr als genug.

Aquarium

Der Wetterbericht verspricht heute wenig Gutes und so beschliessen wir, den Tag in Perth's weltberühmten Aquarium zu verbringen. Das Aquarium ist in Zonen unterteilt, die jeweils einem Küstenabschnitt West Australiens gewidmet ist: Von den Salzwasserkrokodilen im tropischen Norden über die Korallenriffe bis zu den antarktischen Gewässern der Südküste werden wir mit den skurrilsten Kreaturen der Australischen Wasserwelt konfrontiert. Das Highlight ist sicher der Glastunnel, der durch ein riesiges Becken mit Haien, Meeresschildkröten und imposanten Rochen führt.






Zurück auf dem Campingplatz rufe ich Claudia und Werner an, ein Deutsches Paar, das auf ihrer Motorradweltreise in Perth einen längeren Zwischenstopp zum Arbeiten eingelegt hat. Mittlerweilen ist es bitter kalt (jedenfalls wenn man sich das Klima des Australischen Nordens gewohnt ist) und die Regennächte in unserem Billig-Zelt sind absolut kein Vergnügen. Werner bietet uns ihr Gästezimmer an, ein Angebot, das auch Fabi mit seinem hervorragenden Hilleberg-Zelt gerne annimmt. Die letzte Nacht im Zelt ist dann auch ein würdiger Abschied vom Camperleben: Blitz, Donner und sinthflutartiger Regen die ganze Nacht, dazu ordentliche Böen, die gefährlich an der wasserdichten Plane über unserem Zelt reissen.

Lou Valsecchi


Nach einer schlaflosen Nacht brechen wir früh auf, um unsere KTMs bei Lou Valsecchi für den Rücktransport zu verpacken. Wir schaffen es trockenen Fusses in die Lagerhalle, kurz bevor ein neues Gewitter über uns hereinbricht. Das Trommeln des Regens auf das Blechdach macht jegliche Kommunikation unmöglich, aber mittlerweilen sind wir routiniert genug, um die KTMs ohne grosse Worte verpacken zu können. Gegen Abend sind alle drei Motorräder verstaut, die Zolldokumente gestempelt und wir übergeben unsere drei Kisten vertrauensvoll in Lous Hände.

Wir werden jetzt zu Claudia und Werner umziehen und noch ein paar Tage in Perth verbringen. Der interessante Teil der Reise ist an dieser Stelle aber leider zu Ende. Australien ist ein phantastisches Land für Enduroreisende: Unglaublich gross, unbeschreiblich weit, unfassbar leer. Das Outback ist voller Abenteuer und hilfsbereiter Menschen: Ganz klar Enduristan!

Text: David

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